Ibsens Drama NORA ist 130 Jahre alt und so aktuell, dass es noch immer und ständig wieder auf den Theater-Spielplänen steht. NORA ist eindrucksvoll, direkt berührend und von Dauer: Im Bochumer Schauspielhaus dauerte die Premiere am Samstag abend 2 Stunden und 17 Minuten — ohne Pause.
In Bochum ist NORA die letzte Inszenierung des scheidenden Intendanten Elmar Goerden. So erklärt sich wohl der einsame Buh!-Ruf beim Schluss-Aplaus: Eine schüchterne Abrechnung mit der Intendanz und auf keinen Fall ein Urteil über Inszenierung und Ensemble. Denn sowohl die eine als auch das andere hatte jede Sekunde Beifall verdient.
Die Inszenierung war sorgsam aktualisiert:
Eine sehr gute Dramaturgie, die bis ins sorgsam zusammengestellte Programmheft hinein reicht. Wenn man in die Vorstellung geht, sollte man auf den Kauf des Heftchens nicht verzichten!
Eine komplett weiße Bühne im nach hinten offenen Bühnenraum. Mittendrin ein Plastik-Trecker und eine Holz-Ente zum Hintersichherziehen als Verweis auf das Kind, das ansonsten im Stück vollkommen unsichtbar ist.
Eine Verstrickung in Schuld, Abhängigkeiten und Nichtkommunikation. Die Konsequenzen von Entscheidungen und Zeit, von Macht und gesellschaftlicher Konvention. aufstiegslust und Abstiegsangst. Sehr modern.
Ein Ehemann als grad aufgestiegener Bankdirektor funktioniert noch immer wie im Original, die Ehefrau verdient etwas dazu – nicht mehr mit Sticken und Stricken wie noch 1880 sondern mit Schreiben und Übersetzungen.
Eine Ehe, die die ersten zwei Stunden seltsam artifiziell wirkt und komisch und manchmal so übertrieben vorsichtig – was man aber erst als Gegensatz zu den letzten 15 Minuten erkennt, in denen “zum ersten Mal ernsthaft” miteinander geredet wird.
Eine der schönsten Szenen im dritten Akt (einige Sekunden nur, ein Saal hält den Atem an), als Nora glaubt, Ihr Mann könne alles verstehen und es gäbe nichts, was zwischen den beiden stehen könnte – um schon kurze Zeit später die Bedeutungsleere dieser Worte zu erkennen und zu spüren.
Eine Nora, die am Ende ihren Mann und ihr Leben verlässt. Ob sie wieder zurückkehrt? Ibsen hat angeblich einen zweiten Schluß geschrieben, in dem Nora bleibt. Wegen der Kinder.
Ein Hoch auf das Ensemble. Ein Hoch auf Ibsen. Ein Hoch auf Bochum. Wenn nur nicht der Mann auf dem Platz neben mir ständig mit dem Metallarmband seiner Digitaluhr herumgespielt hätte. Ich wünschte ihm mehrfach still eine ordentliche Ehehölle an den Hals.
Eine Hauptdarstellerin, die leise und facettenreich spielende Marina Frenk gibts am Sonntag gleich nochmal in “Eine Familie (Auguste: Osage County)”. Freude.
Ein Service-Hinweis für die Damen des Stückelesekreises: Ronny Miersch spielt in NORA sehr eindrucksvoll. Er ist sehr groß, trägt einen sehr lavendel(?)farbenen Anzug und sieht wie immer: sehr gut! aus:-)
Panne
