Im Fußballspiel ist die Bühne kein Raum, in den man hineinschaut wie im Theater. Das Spielfeld ist ein öffentlicher Platz, gebaut für die Leidenschaften, die hier in grellem Licht ausgelebt werden. Die Seiten des Platzes sind die Grenzen dieser Welt. An ihnen sitzen die Zuschauer. Sie bilden die Kanten der Welt, an denen das Spiel aufhört, aber auch immer wieder erneuert wird, wenn der Ball über sie hinausfliegt. Über sie hinaus geht kein Spiel; es gibt nichts jenseits des Platzes. Das Feld ist eine ganze Welt, Paradies und Hölle zugleich.
Der Blick der Zuschauer fällt von oben auf das Feld; ihre Einbildungkraft lässt sie eine unendliche Welt sehen, die das ganze Erdenrund ausfüllt. Über dem Feld der Schlacht wölbt sich der Sternenhimmel. Dem Publikum fällt die Rolle zu, die Gestirne in eine günstige Rolle zu bringen. Für sie gibt es im Himmel keine Götter, sondern nur beeinflussbare Sternenkonstellationen. Auf der Tribüne werden die Zuschauer zu Beteiligten. Noch wichtiger sind jedoch die Plätze in den Kurven, wo die Zuschauer nicht sitzen, sondern auf den eigenen Füßen stehen wollen. Sie sind “das Volk”, das dynamische Element, das die Ereignisse hervortreibt. “Volk” ist hier eine Kraft, die geschichtliche Ereignisse aus sich hervorbringt, eine ferne Erinnerung an Wallensteins Lager.
Gunter Gebauer, Poetik des Fußballss, Seite 49f
Campus Verlag 2006