Warum sind Sie zum Theater gegangen?
Das ist die Frage?
Ja, und ich schlage Ihnen gleich eine Antwort vor: weil Sie das Denken fliehen.
Stimmt! Das Theater ist eine Therapie gegen … Wie sagt man?
Gegen die Einsamkeit.
Ja, und gegen die Todesangst, weil das Denken bei den Proben, das aus der Kommunikation mit den Schauspielern entsteht, von Natur aus ein flacheres Denken ist.
Sie haben es das „horizontale Denken“ genannt.
Ja, man geht nicht so in die Tiefe wie zum Beispiel beim Schreiben. Man muß Kompromisse machen.
Das tiefe Denken, das Sie das „vertikale“ nennen, ertragen Sie nicht.
Vielleicht, ja, weil es ins Nichts führt.
Glücklich sind Sie nur auf der Bühne, umgeben von anderen.
Was heißt glücklich? Ich kann bei der Arbeit mit den Schauspielern oder, wenn ich Oper inszeniere, mit den Sängern die Zeit vergessen. Ich vergesse mich selbst.
Die Selbstvergessenheit ist das Glück.
Ja, die Selbstvergessenheit ist das Glück (…)
Luc Bondy im Gespräch mit André Müller,
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. Juli 2010