Aus letztmalig gegebenem Anlass

Ein Fußballspiel ist wie ein riesiges Theaterereignis. Es ist nicht nur ein Spiel mit dem Ball, sondern auch ein Rollenspiel mit Publikumslieblingen und Bösewichtern, ein Spiel mit dem eigenen und dem fremden Körper, mit den Emotionen und den Zuschauern. Anders als im Theater geschieht das Spiel ohne Sprache und mit wesentlicher Beteiligung des Publikums. Die Sprachlosigkeit des Fußballs erzwingt seine außerordentliche Darstellungsfähigkeit. In der deutschen Bundesrepublik hat der Fußball seit den fünfziger Jahren eine Art nationaler Bühne geschaffen; auf ihr werden Ereignisse gespielt, die mit dem politischen Geschehen verknüpft sind, manchmal locker, manchmal sehr eng: Fußballspiele können oft als Kommentare zur politischen Lage der Zeit verstanden werden. In einigen Fällen antizipieren sie sogar Veränderungen, die sich in der Politik erst später zeigen. In dem sehr seltenen Fall eines großen Fußballereignisses wird dieses selbst zu einem politischen Geschehen und kann eine ganze politische Konstellation verändern. Der deutsche Fußball lebt in Geschichten, und er lebt von der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Als Nationalsport stellte er seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Projektionsfläche dar, auf der insbesondere die Männer „ihre“ deutschen Tugenden wiedererkennen wollten.

Gunter Gebauer, Poetik des Fußballs, Seite 119,
Campus Verlag 2006

Panne

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